Portrait Fritz Brühlmann

"Die wildeste Zeit waren die 70er, herausragend natürlich die Bahn-Weltmeisterschaft 1977 in Venezuela. 3 Bronzemedaillen holten unsere Bahnamateure, quasi aus dem Nichts. In den vorhergehenden Jahren gab es nur einen inoffiziellen WM-Titel im Punktefahren, und dann musste man bis ins 1972 zurückblättern, als Xaver Kurmann an den olympischen Spielen in München die Silbermedaille gewonnen hatte."

Fritz Brühlmann, bald 76, kommt ins Schwärmen, wenn er aus jenen 70ern erzählt. Seit 1967 war er Mechaniker der Radnationalmannschaft. Strasse, Quer und natürlich Bahn betreute er.

Der gelernte Möbelschreiner startete seine eigene Radkarriere als 17jähriger. Aufgewachsen in einer Bauernfamilie im schaffhausischen Lohn musste er seine Trainingszeit nach Lehrarbeit und Mithilfe auf dem elterlichen Hof richten. "Abends um acht gelang es mir manchmal, nach der Stallarbeit noch eine Stunde auf dem Velo zu trainieren", so Fritz Brühlmann im Rückblick.

Als Amateur kreiste er am liebsten im Oval der Rennbahn Oerlikon. Bahnrennen waren seine Leidenschaft. Bevorzugte Disziplinen: Sprint, Punktefahren und Mannschaftsfahren. Und im Winter, auf den schnellen Holzlatten des Hallenstadions, etablierte er sich als Américaine-Fahrer (heute Madison genannt).

Eigentlich hätte er sich nach seiner Aktivzeit als Rennfahrer im Beruf als Schreiner weiterentwickeln wollen. Doch der Telefonanruf des grossen Oscar Plattner brachte seine Pläne durcheinander: "Er fragte mich für die Betreuung der Amateur-Mannschaft  an der Guatemala-Rundfahrt an. 'Uebermorgen geht das Flugzeug, s'ist alles eingefädelt', sagte Oscar noch. Und von da an war's geschehen. Zuerst in Teilzeit, ab 1972 im Vollamt, betreute ich die Schweizer Radamateure an ungezählten Rennen, vorab im Ausland, aber auch bei Tests und heimlichen Materialproben im Inland."

Seine Leidenschaft war das Weiterentwickeln, Tüfteln. So kamen die ersten Flachspeichen in Westeuropa aus seiner Küche, er liess für den Bahnvierer 1977 extra leichte Rahmen mit tiefem Tretlager bauen, montierte die extrem kleinen 18er Reifen. Selbst Versuche mit 17er Reifen initierte er: "Die damals noch französische Firma Dugast konstruierte für uns 17er Reifen. Doch wegen des kleinen Durchmessers klebten die Reifen nicht auf den Felgen. Das Paar waren die einzigen, die Dugast herstellte. Nach den Tests mussten wir diese Idee begraben."

1978 gings weiter bergauf, auch auf der Strasse regnete es Medaillen, und ein Höhepunkt war der Olympiasieg von Robert Dill-Bundi 1980 in Moskau.

Ab 1984 wurde die Aerodynamik immer mehr ins Zentrum gerückt. Francesco Moser hatte mit seinem speziellen Stundenweltrekordrad die Fachwelt aufgeschreckt. Vorne ein kleineres Rad um die Angriffsfläche des Windes zu reduzieren, hinten ein Scheibenrad. Auch die Schweizer übernahmen die Technologie im gleichen Jahr. An den olympischen Spielen 1984 holte der Strassenvierer Bronze mit den Aero-Velos.

Fritz Brühlmanns Medaillenspiegel ist spektakulär:

Von ihm betreute Fahrer holten an WM, bei Olympia oder an EM

51 Medaillen auf der Strasse

74 Medaillen auf der Bahn

26 Medaillen im Radquer.

Und er selber war an genau 101 Weltmeisterschaften, olympischen Spielen oder Europameisterschaften als Nationalmechaniker engagiert.

Während über 30 Jahren in 7-Tage Wochen war Fritz als Mechaniker unterwegs oder in seiner Werkstatt. Ferien existierten praktisch nicht für ihn. Hat sich das gelohnt?

"übers Finanzielle müssen wir nicht reden. Ich hab zu leben gehabt. Für mich wars keine Arbeit, sondern eine Aufgabe, ja sogar eine Leidenschaft. Immer weiter vorwärtskommen, an den nächsten Weltmeisterschaften auch vom Material her das Optimum herausholen, das war mein Ziel. Und so gesehen hat es sich gelohnt. Auch heute noch habe ich zu den Fahrern ein gutes Verhältnis, ein Grüezi gibt’s immer noch von allen...", schmunzelt er.

Heute nimmt er's ruhiger, betreut einen Klubvierer, und ist immer noch jeden Dienstag mit seinem Werkzeugkoffer auf der Offenen Rennbahn Oerlikon am Arbeiten.

Und seine neue Werkstatt an der Tramstrasse ist zu einem Geheimtipp für Insider geworden.

© Fritz Brühlmann - Tramstrasse 10 - CH-8050 Zürich